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Krankheiten

Unter Krankheit versteht man eine „körperliche, geistige oder seelische Störung, die an bestimmten Symptomen erkennbar ist1).

Eine Krankheit äußert sich in Abweichungen ansonsten normaler Lebensvorgänge in Organen und Organsystemen durch einen Reiz. Dieser führt zu einer von der Norm abweichenden vorübergehenden Beeinträchtigung der physischen Funktionen und/oder der psychischen Befindlichkeit, gegebenenfalls auch zu wahrnehmbaren körperlichen Veränderungen. Im Extremfall können diese zum Tod führen. Auch bei scheinbar isolierten, abnormen Organreaktionen ist der gesamte Organismus beteiligt. Die Ursachen und Entstehungsmechanismen einer Krankheit sind vielschichtig. Neben angeborenen Missbildungen und erblichen Defekten, äußeren Noxen (Bakterien, Parasiten, Gifte) und Gewalteinwirkungen (elektrischer Strom, Strahlung, Temperatur, mechanische Kräfte) können auch soziale Gegebenheiten (Konfliktsituationen) zu organischen oder funktionellen Krankheiten führen.2)

Dieser Artikel beschränkt sich auf Krankheiten des Kaninchens. Verwandte Artikel, wobei sich die Themen überschneiden können:

Geschichte

Abb. 1: Mahlich, 1903Mahlich, 1903 schrieb in seinem Buch „Unsere Kaninchen“3) allgemein zu Krankheiten: Das „Vorbeugen erscheint uns noch viel wichtiger, als das Heilen, als das Behandeln der erkrankten Tiere selbst.“. (S. 174)

Im vierten Abschnitt des Buches wurden die Krankheiten in 8 äußere und sowie 15 innere unterteilt. Die „Ohrenäude“ umfasste nicht allein die Erkrankung, welche durch Milben verursacht werden kann, sondern auch solche, welche durch „kleine borkenartige Pröpfchen“ in den inneren Ohren entstehen können. Zu den „Geschlechtskrankheiten“ gehörten Gebärmutterentzündungen, die vor, während und nach dem Wurf auftreten können, Bläschenkrankheit (Ausschlag an weiblichen und männlichen Geschlechtsteilen) und Syphilis.

Tabelle: Krankheiten des Kaninchens aus Mahlich, 19034)

Äußere KrankheitenInnere Krankheiten
BisswundenSchnupfen
Wunde FüßeSpeichelfluss
KnochenbrücheTrommelsucht
MilchgeschwüreVerstopfung
Krätze (Grabmilbe, Sarcoptes)Durchfall
Ohrenräude (Saugmilbe, Psoroptes cuniculi)Blutharnen
HaarausfallAugenentzündung
KrämpfePocken
Lungenfäule (Leberegel)
Gelbsucht, Wassersucht
Finnen- und Bandwürmer
Milzbrand
Tuberkulose (bösartiger Schnupfen)
Gregarinose (Kokzidiose)
Geschlechtskrankheiten

Abb. 2: Felden, 1916In ähnlicher Weise findet sich eine Aufführung von Krankheiten in dem Buch von Felden, 1916 „Die Kaninchenzucht“.5) Wie man erkennt, dass ein Tier krank ist, wurde wie folgt beschrieben: „Ist ein Tier krank, so merkt es der aufmerksame Züchter sehr bald. Das Haar wird struppig, das Auge verliert seinen Glanz, die Fresslust ist sehr gering und das Tier sitzt traurig in der Ecke.“ (S. 103)

Beiden vorgenannten Büchern ist gemeinsam, dass sie Krankheitsformen nicht aufführen, die heute zu den häufigsten beim Kaninchen zählen: Erkrankungen des Gebisses allgemein und die der Zähne und Kieferknochen im Besonderen.

Selbst in dem Werk von Dorn, 1973 wurden Gebissfehler nicht als Krankheiten in einem eigenen Artikel erwähnt, sondern nur im Zusammenhang mit fehlendem Nagematerial für die Abnutzung der Zähne und der Brachygnathia superior als erbliche Missbildung in Form eines verkürzten Oberkiefers. Erst mit der Zunahme der Haltung von Heimkaninchen nahmen Gebissanomalien stark zu.

Die Beschreibung von Symptomen, Diagnosen und Behandlungen von Kaninchenerkrankungen gipfelten schließlich z. B. in einem Werk von A. Ewringmann, 2016 6) mit einem Umfang von 480 Seiten.

Eine Reihe von Erkrankungen des Kaninchens werden verstärkt mit Zuchtmerkmalen („Qualzucht") in Verbindung gebracht.

Prävalenzen

Rheker, 2001

Im Rahmen einer Dissertation erfasste Rheker, 20017) für die Jahre 1990-1999 Diagnosen für verschiedene Tierarten, u. a. die von 3.356 Kaninchen. In der folgenden Tabelle sind gruppierte Diagnosen mit einem Anteil von ≥ 1,0% aufgeführt. Behandlungen wie Kastration mit 12% und Impfungen mit 5% fehlen in der Übersicht. Ohrerkrankungen waren mit 0,1% beteiligt.

Tabelle: gruppierte Diagnosen mit einem Anteil von ≥ 1,0%, nach Daten aus Rheker, 2001

DiagnoseAnzahl n%
Gebiss54316,2
Abszesse2928,7
Frakturen1303,9
Trauma732,2
Dyspnoe641,9
Tympanie611,8
Diarrhoe491,5
Pneumonie471,4
Enteritis461,4
Inappetenz431,3
Tumore431,3
Enzephalitozoonose321,0

Langenecker et al., 2009

In einer Arbeit von Langenecker et al., 20098) wurde die Anzahl von Vorstellungsgründen von Kaninchen aus verschiedenen Veröffentlichungen (Tierarztpraxen) verglichen. In der Auswertung wurde sie um eine Arbeit von Mullan & Main, 20069) ergänzt. Auf Grund ihres relativ seltenen Auftretens waren Ohrerkrankungen in den Statistiken nicht enthalten. Die Zahlen für Rheker, 2001 unterschieden sich in der Arbeit etwas zur vorstehenden Auswertung, weil vermutlich die Gruppierung der Diagnosen unterschiedlich ist.

Die geringe Zahl von Zahnerkrankungen in der Arbeit von Möller, 198410) mit 130 Tieren wurde als ein möglicher Hinweis darauf gesehen: „dass in neuerer Zeit die Zucht von Zwergformen, die bekanntlich mit Zahnfehlstellung einhergeht, das Auftreten von Zahnerkrankungen gefördert hat. Dem steht jedoch die Beobachtung entgegen, dass das mediane Alter unserer Kaninchenpatienten über 3 Jahren lag, was nicht für eine angeborene, sondern für eine erworbene Zahnerkrankung spricht“. langenecker_2009.jpgAbb. 3: Diagnosen für Kaninchen aus verschiedenen Tierarztpraxen nach Daten aus Langenecker et al., 2009 und Mullan & Main, 2006

Rooney et al., 2014

In dieser Studie11) wurden die Ergebnisse ausgefüllter Fragebögen von Kaninchenhaltern für insgesamt 1.254 Kaninchen aus drei verschiedenen geografischen Gebieten Englands analysiert, um ein genaues Bild über die derzeitige Unterbringung und Pflege von Heimkaninchen und die wichtigsten Aspekte ihrer Gesundheit und ihres Wohlergehens zu erhalten.

Von den insgesamt 1.254 Kaninchen wurden 35,8% als Widderkaninchen bezeichnet (Lop = 33,6%, Dwarf lop = 2,2%).

Tabelle: Prozentualer Anteil der Kaninchen, die nach Besitzerangaben in unterschiedlichen Zeiträumen an einer von 15 Erkrankungen litten, die tierärztlich behandelt wurden

Gesamtanzahl n = 1254Mehr als ein Jahr zurück
in %
Ein Jahr zurück
in %
Aktuell (2011)
in %
Mittelwert
in %
Anzahl n
Übergewicht3,22,97,54,557
Augenprobleme4,64,34,04,354
Zahnprobleme3,83,64,84,151
Verdauungsprobleme4,36,60,83,949
Parasiten (Milben/Flöhe)6,04,11,23,847
Kampfwunden3,02,00,41,822
Hautprobleme2,52,00,71,722
Atmungsprobleme1,22,11,31,620
Ohrprobleme2,31,30,31,316
Untergeweicht1,21,31,21,215
Sohlenschwielen1,30,80,70,912
Harn-/Nierensteine1,21,20,30,911
Fliegen (Maden)1,20,70,00,68
Neurologische Probleme (Head tilt)0,60,30,70,57
Wundsein Innenseite Beine0,30,60,30,45

Auf Grund der geringen Anzahlen der jeweiligen tierärztlichen Indikationen unterschieden sich diese zu denen in anderen Veröffentlichungen.

Unklar blieb in dieser Studie die Anzahl der Heimkaninchen, weil einerseits von 1.254 Kaninchen die Rede war, andererseits von 1.254 ausgewerteten Fragebögen bzw. Besitzern, wobei die Anzahl der Tiere bei den Besitzern von 1 - 37 reichte.

44,4% der Besitzer hielten 2 und 3,3% mehr als 6 Kaninchen.

Mäkitaipale et al., 2015

In einer finnischen Studie12) wurden insgesamt 167 Heimkaninchen im Rahmen einer Gesundheitserhebung untersucht, deren Halter durch eine Werbeaktion gewonnen wurden. Die Kaninchen mussten von ihren Besitzern als gesund eingestuft werden und durften zum Zeitpunkt der Erhebung nicht tierärztlich behandelt worden sein, um in die Studie aufgenommen zu werden. Frühere Tierarztbesuche waren nicht ausschlaggebend, aber der Besitzer musste das Kaninchen als grundsätzlich gesund einschätzen. Von allen Kaninchen wurden, neben einer umfangreichen körperlichen Untersuchung, seitliche Bauch- und seitliche Schädelröntgenaufnahmen angefertigt. Die Strukturen des Schädels wurden auf Anomalien wie Anzeichen von Osteopenie, Verkalkungen, Osteolyse oder proliferative Knochen untersucht. Die Form, Struktur und Okklusion der Zähne wurden genau untersucht.

Es waren 17 Rassen vertreten, wobei Zwergwidder die größte Gruppe bildeten (n=47, 28,1 %). Kaninchen gemischter Rassen bildeten die zweitgrößte Gruppe (n=43, 25,7 %). Das Durchschnittsalter der Kaninchen betrug 2,8 Jahre (Spanne 0,3-9,3 Jahre). Außerdem waren 83 Kaninchen (51,5 %) weiblich, von denen 12 kastriert waren (14,0 %), und 81 Kaninchen (48,5 %) waren männlich, von denen 35 kastriert waren (43,2 %).

Zahnerkrankungen waren der häufigste Befund sowohl bei der körperlichen als auch bei der röntgenologischen Untersuchung. Die Prävalenz von Zahnanomalien, einschließlich Hypodontie und Schneidezahnanomalien, betrug in der Studie 45,5% (n=76). Erworbene Zahnerkrankungen (progressive syndrome of acquired dental disease (PSADD)) traten signifikant häufiger bei Kaninchen auf, die älter als drei Jahre waren (P<0,05), und waren bei beiden Geschlechtern gleichermaßen zu beobachten (Weibchen 40,7%, Männchen 39,5%). Die Häufigkeit von PSADD war bei Löwenkopfkaninchen im Vergleich zu anderen Rassen in dieser Studie höher (P<0,05). Es wurde kein Zusammenhang zwischen anderen Rassen und Zahnerkrankungen festgestellt.

Gesamtanzahl Diagnosen = 209Anzahl n%
Zahnanomalien7645,5
Wirbelsäule, Deformationen3018,0
Hautkrankheiten2816,8
Wirbelsäule, degenrative Läsionen2615,6
Andere169,6
Augenerkrankungen127,2
Nasenerkrankungen106,0
Osteoathritis42,4
verheilte Brüche31,8
Masse im Uterus21,2
Nierenverkalkung/-steine21,2

Störungen der Wirbelsäule waren der zweithäufigste Befund der Studie (n=52, 31,1%), Hauterkrankungen der dritthäufigste Befund (n=28, 16,8 %). Die Inzidenz von Gebärmutterneoplasien in dieser Studie war mit 1,2% gering.

Die Diagnose einer Mittelohrentzündung hätte eine Probenentnahme, eine Reinigung des Gehörgangs zur besseren Sichtbarmachung und eine genauere Bildgebung wie ein CT erfordert, um die Diagnose sicherzustellen. Bei der Palpation wurden jedoch keine Anomalien festgestellt, die auf eine Gehörgangsdivertikulose oder einen Abszess hindeuteten.

Die Prävalenz von Anomalien war bei älteren Kaninchen signifikant höher als bei jüngeren; insgesamt 82,3 % (n=51) der Kaninchen, die älter als drei Jahre waren, wiesen Befunde bei der körperlichen oder röntgenologischen Untersuchung auf. Die Autoren stellten fest, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Kaninchen in den letzten Jahren gestiegen sei und es wäre nicht ungewöhnlich, Kaninchen im Alter von über 10 Jahren anzutreffen, insbesondere bei mittelgroßen Kaninchen. Mittelgroße Kaninchen könnten im Alter von sieben Jahren als geriatrisch angesehen werden, aber Zwerg- und Riesenrassen wiesen eine kürzere Lebenserwartung auf. Geriatrische Erkrankungen können bei diesen Rassen bereits im Alter von vier bis fünf Jahren auftreten.

O'Neill et al., 2020

Die Grundgesamtheit einer Querschnittsstudie von O'Neill et al., 202013) umfasste anonymisierte klinische Aufzeichnungen von 6.349 Kaninchen, die an 107 englischen Kliniken für eine tierärztliche Versorgung vorgestellt wurden. Die Prävalenz wurde anhand einer Zufallsstichprobe von Kaninchen aus der gesamten Studienpopulation geschätzt. Eine A-priori-Stichprobenberechnung ergab, dass mindestens 2.356 Kaninchen hätten beprobt werden müssten, um eine Erkrankung mit einer erwarteten Prävalenz von mindestens 2,5 % mit einer Genauigkeit von 0,5 % und einem 95-prozentigen Konfidenzniveau aus einer Studienpopulation von 6.349 Kaninchen zu repräsentieren. Die Stichprobe enthielt 2.506 Daten von Kaninchen.

Mit 32,4% waren in dem Programm Tiere mit hängenden Ohren (Lop) vertreten, also knapp ein Drittel aller Tiere.

Tabelle: Prävalenzen der gruppierten, häufigsten Erkrankungen, nach O’Neill et al., 2020

DiagnoseAnzahl n%
Dermatologisch50520,2
Maulhöhle27210,9
Magen-/Darmtrakt2389,5
Augen1827,3
Parasiten1787,1
Verhalten1305,2
Trauma994,0
Atemwege933,7
Übergewicht923,7
Neurologisch743,0
Behandlung (Arzt)642,6
gewichtsbedingt542,2
Untergewicht512,0
Abszess471,9
Harnwege451,8
Bewegungsapparat431,7
Gehör (Otitis)251,0
Infektion190,8
Herz/Kreislauf160,6
Neoplasie140,6
Fortpflanzungssystem60,2
Leber40,2
Weichteilgewebe20,1
Erbkrankheit10,0

In der Krankheits-Gruppe „Gehör“ (Auditory) waren 25 von 2.506 Tieren vertreten (1,0%). Eine Rassezuordnung erfolgte nicht. In dem Begleitmaterial der Studie mit den Rohdaten wurden die Erkrankungen „Otitiden“ zugeordnet. Das mediane Alter für diese Gruppe betrug 5,5 Jahre, das mittlere Sterbealter lag im Median bei 4,3 Jahren. Das heißt, dass Alter der vorgestellten Tiere mit dem Krankheitsgrund „Gehör“ war höher als das mittlere Sterbealter in dieser Studie.

In der Einleitung wurde erklärt, dass verschiedene, zuchtbedingte Prädispositionen für Erkrankungen bei Kaninchen zwar vermutet, aber nur im begrenzten Maß bestätigt werden können: „Captive breeding and a desire for phenotypic variation encourages substantial changes to the modern rabbit’s size, conformation and fur type, with consequent breed-specific disease predispositions suspected but with limited confirmatory evidence“.

Shiga et al., 2022

In einer Studie aus Japan14) wurden die Gründe für den Tod sowie das Sterbealter von 898 Heimkaninchen ermittelt, die zwischen 2006-2020 in einer Heimtierklinik erfasst wurden.

Todesursache Anzahl %
unbekannt 238 26,5
Neoplasien 223 24,8
Darmerkrankungen 135 15,0
Abszesse 90 10,0
Harnwegserkrankungen 85 9,5
Trauma 44 4,9
Herzerkrankungen 27 3,0
Andere 22 2,4
Atemwegserkrankungen 20 2,2
Euthanasie 14 1,6

Arts et al., 2023

Als Reaktion auf eine „Qualzucht-Kampagne“ der Tierärztekammer Berlin15) wurde im Auftrag des Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter (ZDRK) eine Untersuchung u. a. zur Prävalenz von Zahn- und Ohrerkrankungen bei Rassekaninchen in Auftrag gegeben. Arts et al., 202316) fanden in dieser Untersuchung in einer Stichprobe von 283 Rassezuchtkaninchen (aus insgesamt 2.833 Kaninchen) in einem Ohr eines Widderkaninchens (0,18%) eine leichte Entzündung. Aus dem Resümee: „Abgesehen von der etwas größeren Menge an Ohrenschmalz konnten keine signifikanten Unterschiede bei der Gesundheit der Ohren von Widderkaninchen und Kaninchen mit stehenden Ohren festgestellt werden. Die gefundenen Anomalien sind in ihrer Häufigkeit marginal. Aufgrund ihrer sehr geringen Häufigkeit ist davon auszugehen, dass es sich dabei sehr wahrscheinlich um natürlich vorkommende Erscheinungen und nicht um rassetypische oder zuchtbedingte Auffälligkeiten handelt.“.

In Bezug auf die Untersuchung der Ohren mit einem Foto-Video-Otoskop und der Form der Gehörgänge wurde festgestellt: „Um den Gehörgang der Widderkaninchen otoskopisch untersuchen zu können, wird das Ohr aufgerichtet und etwas unter Spannung gesetzt, wodurch der äußere Gehörgang vor allem bei den Kaninchen, wo dieser wenig stark verknorpelt ist, während der Untersuchung eine leicht ovale Form aufweist. Im natürlichen Zustand ist der äußere Gehörgang sowohl bei Widderkaninchen als auch bei Rassen mit stehenden Ohren rund.“

Jackson et al., 2024

In einer Auswertung klinischer Daten in England von Jackson et al., 202417) in Bezug auf Zahnerkrankungen mit insgesamt 161.979 Kaninchen, die im Jahr 2019 in tierärztlicher Grundversorgung vorgestellt wurden, lag die 1-Jahres-Prävalenz von Zahnerkrankungen insgesamt bei 15,36 % (95 % Konfidenzintervall (KI): 14,78-15,96). Die Prävalenz von Zahnerkrankungen bei Schneidezähnen lag bei 3,14 % (95 % KI: 2,87-3,44) und bei Backenzähnen bei 13,72 % (95 % KI: 13,17-14,29). Weder die Form eines Hängeohrs noch die Form eines brachycephalen Schädels war signifikant mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Zahnerkrankung verbunden. Die Wahrscheinlichkeit einer Zahnerkrankung stieg mit zunehmendem Alter und sank mit zunehmendem Körpergewicht.

Die wesentlichsten Feststellungen in der Arbeit:

  • Die Ergebnisse lieferten keine Beweise für ein erhöhtes Risiko von Zahnerkrankungen bei Rassen mit Hängeohren im Vergleich zu Rassen mit aufrechten Ohren. Dies steht im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, in denen der Körperbau von Hängeohren als Risikofaktor beschrieben wurde, zudem diese Arbeit18) aufgrund der geringen statistischen Aussagekraft und der Verallgemeinerbarkeit einer Studie mit nur 30 Kaninchen aus einer einzigen Auffangstation eingeschränkt war.
  • In der Studie konnte auch kein höheres Risiko für Zahnerkrankungen bei brachyzephalen Kaninchen im Vergleich zu normozephalen Kaninchen nachgewiesen werden. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu früheren Ergebnissen19), die eine 3,19-mal höhere Wahrscheinlichkeit von Zahnerkrankungen bei kurzköpfigen Kaninchen aufzeigten, obwohl diese Arbeit durch eine unvollständige Erläuterung der Definition von Brachyzephalie eingeschränkt war, so dass die Möglichkeit einer falschen Klassifizierung der Schädelform bestand.
  • In der Studie konnte nicht nachgewiesen werden, dass Zwergkaninchen im Vergleich zu Kaninchen der „Standard“-Größe häufiger an Zahnerkrankungen leiden. Dies stützt nicht die Theorie von Crossley20), dass Zwergkaninchenrassen eine genetische Prädisposition für erworbene Zahnerkrankungen haben.
  • Bei kastrierten Kaninchen war die Wahrscheinlichkeit einer Zahnerkrankung 1,38-mal so hoch als bei intakten Kaninchen, ähnlich wie bei Hunden. Darüber hinaus war die Wahrscheinlichkeit einer Zahnerkrankung bei männlichen Kaninchen in der aktuellen Studie 1,23mal höher als bei weiblichen Kaninchen, was frühere Belege für eine starke Veranlagung von männlichen Kaninchen für Zahnerkrankungen bei Kaninchen bestätigte.
  • Möglicherweise haben haltungsbedingte Faktoren, die in der aktuellen Studie nicht bewertet werden konnten, aber möglicherweise über alle Rassen hinweg konstant sind, einen weitaus größeren Einfluss auf das Risiko von Zahnerkrankungen als rassespezifische Körperbaueigenschaften. In der bisherigen Literatur wurde hervorgehoben, dass Ernährung und Unterbringung eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Zahnerkrankungen spielen, weil eine unterschiedliche Abrasivität des Futters und unterschiedliche Kalzium- und Vitamin-D-Konzentrationen die Bildung der wachsenden Zähne beeinflussen.
  • Die Ergebnisse belegen keine höhere Wahrscheinlichkeit von Zahnerkrankungen bei hängeohrigen oder brachycephalen Kaninchen im Vergleich zu ihren aufrechtohrigen oder normocephalen Artgenossen, was die Möglichkeit aufkommen lässt, dass allgegenwärtige Konformitäts- und Haltungsänderungen, die mit dem Dasein als Hauskaninchen an sich verbunden sind, den größten Risikoeffekt für Zahnerkrankungen bei Kaninchen haben. Wenn es spezifische genetische Prädispositionen für Zahnerkrankungen bei Kaninchen gibt, so sind diese wahrscheinlich komplexer Natur. Diese Erkenntnisse können Tierärzten dabei helfen, betroffene Kaninchen früher zu erkennen und eine frühere Behandlung einzuleiten, um Schmerzen und Leiden zu verringern.

Prävalenzen aus nicht zufälligen Stichproben

Es existieren weitere, häufig zitierte Studien wie z. B. von Snook et al., 201321), de Matos, 201522), Reuschel, 201823) sowie Johnson und Burn, 201924), die jedoch für die Feststellung einer allgmeinen Prävalenz von Erkankungen bei Kaninchen ungeeignet sind, weil für die jeweiligen Stichproben ausgewählte Tiere genutzt wurden.

Tabelle: Stichproben in den Arbeiten von Snook et al., 2013, de Matos, 2015; Reuschel, 2018 und Johnson & Burn, 2019

AutorStichprobe
Snook et al., 2013334 ausgewählte Tiere aus einer Grundgesamtheit von 1152 Kaninchen, die in einem Zeitraum von 20 Jahren an einem Lehrkrankenhaus vorgestellt wurden; vertreten waren sechsundzwanzig Rassen sowie eine Vielzahl von Mischrassen. Die häufigsten Rassen waren Hängeohrkaninchen (74 Standard- und 31 Zwergkaninchen), Netherland dwarf (30), Dutch dwarf (14) und Angoras (13). Widderkaninchen waren in der dermatologischen Stichprobe im Vergleich zur Krankenhauspopulation überrepräsentiert (P = 0,001). Kaninchen, die in den Aufzeichnungen als Mischlinge vermerkt waren, waren im Vergleich zur Krankenhauspopulation unterrepräsentiert
de Matos, 201588 Tiere aus einer Grundgesamtheit von 784 Kaninchen, die über einen Zeitraum von Juni 2007 bis Februar 2014 (6,7 Jahre, im Mittel 13 Tiere/Jahr) in einer Tierklinik vorgestellt wurden
Reuschel, 2018Stichprobe für CT-Untersuchungen: 388 Tiere aus dem Patientenstamm der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover: „Alle CT-Untersuchungen wurden aus diagnostischen Gründen aufgrund vorliegender Erkrankungen der Ohren, der Zähne, des Atemtraktes oder aufgrund von Traumata durchgeführt.“. Die ausgewählten Tiere für die Untersuchung stammten aus einem Zeitraum von 01.01.2010-06.02.2018, also 8,1 Jahren; Stichprobe für Untersuchungen des Mikrobioms des Ohres: 31 Stehohr- und 30 Widderkaninchen, die auf Grund klinischer Erkrankungen vorgestellt wurden + 24 Proben von Widderkaninchen, die nachweislich an Otitis erkrankt waren
Johnson & Burn, 201915 Stehohr- und 15 Widderkaninchen - von der Leiterin eines Tierheimes ausgesucht, nachdem ihr mitgeteilt wurde, dass die Tiere allgemein sowie insbesondere deren Zähne und Ohren untersucht werden sollten

In der Dissertation von Reuschel, 2018 wurde über das Vorkommen von obligat anaeroben gramnegativen Bakterien berichtet und vermutet, dass dies auf den „Luftabschluss“ in den Ohren von Widderkaninchen zurückzuführen sei: „Alle positiven Nachweise bei erkrankten Kaninchen stammten von Widderkaninchen. Dies deutet darauf hin, dass bei Widderkaninchen durch den Verschluss des Gehörgangs aufgrund der Schlappohren ein Luftabschluss entsteht und somit ein obligat anaerobes Wachstum ermöglicht wird.“.

Bei diesen handelte es sich um „Fusobacterium nucleatum“ sowie „Prevotella sp.“, die vor allem in der Mundschleimhaut vorkommen und an Ober- und Unterkieferabszessen sowie allgemein an Abszessen im Kopfbereich beteiligt sind. Es ist also wesentlich wahrscheinlicher als der vermutete „Luftabschluss“, dass diese Bakterien über die Eustachische Röhre („Tuba auditiva“) vom Maul (Abszesse) in das Innenohr gewandert sind.


2 2 480

1)
Duden. 2000. DUDEN - Das große Wörterbuch der deutschen Sprache -SW-. Dudenverlag, Sat_Wolf, Bayern. CD-ROM
2)
Meyers. 1999. Meyers großes Taschenlexikon in 25 Bänden [SW]. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Sat_Wolf, Bayern. CD-ROM
3) , 4)
Mahlich, P. 1903. Unsere Kaninchen. Ein ausführliches Handbuch für alle Züchter und Liebhaber von Kaninchen. Berlin : Pfenningstorff
5)
Felden, E. 1916. Die Kaninchenzucht. 2. Auflage. Stuttgart : Ulmer, 1916
6)
Ewringmann, A. 2016. Leitsymptome beim Kaninchen. 3. Aufl. Stuttgart : Enke
7)
Rheker I. 2001. Untersuchung zur Bedeutung der Heimtiere in der tierärztlichen Fortbildung in Bezug zur Entwicklung des Heimtieranteils am Gesamtaufkommen der Patienten der Klinik für kleine Haustiere, der Klinik für Zier und Wildvögel sowie der Klinik für Fischkrankheiten der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Diss med vet, Tierärztliche Hochschule Hannover
8)
Langenecker, M.; Clauss, M.; Hässig, M.; Hatt, J. M. 2009. Vergleichende Untersuchung zur Krankheitsverteilung bei Kaninchen, Meerscheinchen, Ratten und Frettchen. Tierärztliche Praxis. Ausgabe K, Kleintiere, 37(5):326-333
9)
Mullan, S. M.; Main, D. C. J. 2006. Survey of the husbandry, health and welfare of 102 pet rabbits. Vet Rec 159: 103-109
10)
Möller I. 1984. Meerschweinchen, Kaninchen und Hamster als Patienten in der Kleintierpraxis. Diss med vet, Ludwig-Maximilians-Universität München
11)
Rooney, N. J., Blackwell, E. J., Mullan, S. M., Saunders, R., Baker, P. E., Hill, J. M., … & Held, S. D. 2014. The current state of welfare, housing and husbandry of the English pet rabbit population. BMC research notes, 7, 1-13
12)
Mäkitaipale, J., Harcourt‐Brown, F. M., & Laitinen‐Vapaavuori, O. 2015. Health survey of 167 pet rabbits (Oryctolagus cuniculus) in Finland. Veterinary Record, 177(16), 418-418
13)
O'Neill, D. G., Craven, H. C., Brodbelt, D. C., Church, D. B., & Hedley, J. 2020. Morbidity and mortality of domestic rabbits (Oryctolagus cuniculus) under primary veterinary care in England. Veterinary Record, 186(14), 451-451
14)
Shiga, T., Nakata, M., Miwa, Y., Kikuta, F., Sasaki, N., Morino, T., & Nakayama, H. 2022. Age at death and cause of death of pet rabbits (Oryctolagus cuniculus) seen at an exotic animal clinic in Tokyo, Japan: a retrospective study of 898 cases (2006–2020). Journal of Exotic Pet Medicine, 43, 35-39.
15)
Ratsch, H. 2019. Anti-Qualzucht-Kampagne: „Das ist doch krank!“. wir-sind-tierarzt.de. Online, Abruf am 07.08.2022 von https://www.wir-sind-tierarzt.de/2019/10/anti-qualzucht-kampagne- tieraerztekammer-berlin/
16)
Arts, H. T.; Verstappen, F. A. L. M.; Van der Vlis, B.; Gabbe, B. 2023. Untersuchung der Prävalenz von Anomalien und Erkrankungen des Ohres bei Widderkaninchen. Kaninchenzeitung.de. Online: https://www.kaninchenzeitung.de/wp-content/uploads/2023/03/2023_03_20-Studie-Widderkaninchen.pdf, Abruf am 23.03.2023
17)
Jackson, M. A., Burn, C. C., Hedley, J., Brodbelt, D. C., & O'Neill, D. G. 2024. Dental disease in companion rabbits under UK primary veterinary care: Frequency and risk factors. Veterinary Record, 194(6), https://doi.org/10.1002/vetr.3993
18) , 24)
Johnson, J. C., & Burn, C. C. 2019. Lop‐eared rabbits have more aural and dental problems than erect‐eared rabbits: a rescue population study. Veterinary Record, 185(24), 758-758
19)
Siriporn B, Weerakhun S. 2014. A study of risk factors, clinical signsand radiographic findings in relation to dental diseases of domestic rabbits. KKU Vet J. 2014;24(2):201–13.
20)
Crossley D. A. 2003. Oral biology and disorders of lagomorphs. Vet Clin N Am. 2003;6(3):629–59.
21)
Snook, T. S., White, S. D., Hawkins, M. G., Tell, L. A., Wilson, L. S., Outerbridge, C. A., & Ihrke, P. J. (2013). Skin diseases in pet rabbits: a retrospective study of 334 cases seen at the University of California at Davis, USA (1984–2004). Veterinary dermatology, 24(6), 613-e148
22)
de Matos, R. E. C., Ruby, J., Van Hatten, R. A., Thompson, M. 2015. Computed tomographic features of clinical and subclinical middle ear disease in domestic rabbits (Oryctolagus cuniculus): 88 cases (2007–2014). Journal of the American Veterinary Medical Association 246.3 (2015): 336-343
23)
Reuschel, M. 2018. Untersuchungen zur Bildgebung des Kaninchenohres mit besonderer Berücksichtigung der Diagnostik einer Otitis bei unterschiedlichen Kaninchenrassen. Tierärztliche Hochschule Hannover. Dissertation. ISBN 978-3-86345-460-9
krankheiten/krankheiten.txt · Zuletzt geändert: 2024/05/19 21:04 von andreas

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